FIELD-LAB

Harry Hendrikse über die Zukunft von Lutetium-177

22 März 2021

Der Markt für Lutetium-177 wird in den kommenden Jahren voraussichtlich enorm anwachsen. Es sind zahlreiche Produkte in der klinischen Entwicklung, bei denen Lutetium-177 als radioaktive Substanz eingesetzt wird. Und wir sehen neue, aufkommende Therapien. Lutetium-177 PSMA ist ein vielversprechender Wirkstoff, der auf das prostataspezifische Membranantigen wirkt und bei der Behandlung metastasierter Prostatakarzinome eingesetzt wird. Neben Prostatakarzinomen wird man zukünftig auch andere Krebsarten mit dem Lutetium-177-Isotop therapieren können. Prof. Hendrikse von der Universitätsklinik Amsterdam UMC, Standort VUmc, sieht erweiterte Möglichkeiten für die Behandlung von Patienten, und dies trotz Problemen im Zusammenhang mit der Marktverfügbarkeit.

 Lutetium-177
Harry Hendrikse

Harry Hendrikse

 

Prof. Hendrikse, Professor für klinische Radiopharmakologie, klinischer Pharmakologe und Krankenhauspharmazeut an der Universitätsklinik Amsterdam UMC. Hendrikse betreibt onkologische Forschung und hat sich bislang auf diagnostische Verfahren konzentriert. Im Rahmen seiner Funktionen als Klinikpharmazeut an der Universitätsklinik Amsterdam UMC ist er mit der Produktion von Radiopharmazeutika unter GMP-Bedingungen betraut. Auch dank seiner Erfahrung mit GMP-Produktionsprozessen und der Gestaltung von GMP-Einrichtungen war er benannter Berater für die Konzeption der FIELD-LAB-Anlagen.

Prostatakrebs

„Patienten mit Verdacht auf ein Prostatakarzinom wurde an der Amsterdam UMC das Diagnostikum Fluor-18-DCFPyL zur Bildgebung mit dem Positronenemissionstomographieverfahren (PET) verabreicht.“ DCFPyL ist ein PSMA-Tracer, der sich an die Oberfläche von Tumorzellen mit PSMA-Expression bindet, nachdem dem Patienten das Präparat gespritzt worden ist. Da der Tracer an ein radioaktives PET-Isotop gebunden ist, werden für die Ärzte auf den Aufnahmen Tumoren sichtbar und ist damit die wirkungsvolle Diagnose eines Prostatakarzinoms möglich. „Wir können Fluor-18 in einem unserer vier Zyklotrone im Krankenhaus herstellen. In unseren GMP-Laboren haben wir die Möglichkeit, die Substanz für unsere Patienten sowie zur Belieferung anderer Kliniken in Fluor-18-DCFPyL umzuwandeln.“

Neben der Diagnosestellung arbeitet man an der Uniklinik Amsterdam UMC intensiv an einer medizinischen Therapie zur Behandlung von Prostatakrebs. „Zwei Doktoranden sind derzeit mit der wissenschaftlichen Untersuchung von Lutetium-177 PSMA beschäftigt. Das Produkt existiert bereits, es gibt aber noch einige unbeantwortete klinische Fragen.“ Die erste Charge Lutetium-177 aus Petten wurde dazu verwendet, herauszufinden, wie das Isotop an einen Tracer gebunden werden kann. „Die Forschung zielt auf einen theranostischen Ansatz. Das bedeutet, dass das Radiopharmazeutikum sowohl zu Diagnose- als auch Behandlungszwecken eingesetzt werden kann. Wir möchten mit F-18-DCFPyL Diagnosen stellen und mit Lutetium-177 PSMA Behandlungen durchführen."

lutetium-177
lutetium-177

PSMA-Expression in anderen Tumorarten

Lutetium-177 nimmt eindeutig einen wichtigen Stellenwert im Fachgebiet Urologie ein, und mittlerweile ist bekannt, dass PSMA-Expression auch in anderen Arten bösartiger Erkrankungen wie dem Glioblastom (eine Form des Hirnstammkrebses) und Bauchspeicheldrüsenkrebs auftreten kann. Aus diesem Grund nimmt einer der Neurochirurgen des Krankenhauses an einer Studie teil, die diesen Themenkomplex untersucht. „Patienten mit einem Glioblastom haben eine schlechte Prognose. Das Problem besteht nämlich darin, dass nach Entfernung des Tumors ein geringer Rückstand bösartigen Gewebes zurückbleibt. Als Operateur möchte man natürlich kein gesundes Hirngewebe entfernen, da dies für den Patienten das Risiko des Verlustes bestimmter Körperfunktionen birgt.“ Diese Studie könnte zu neuen Therapien führen, bei denen Lutetium-177 als Betastrahler für eine hochgradig lokalisierte Bestrahlung residualer Tumorzellen eingesetzt werden könnte. „Vorläufige Daten liegen bereits vor, und diese sehen sehr vielversprechend aus!“

Marktverfügbarkeit
Derzeit werden am Uniklinikum Amsterdam UMC noch keine Patienten mit Lutetium-177 behandelt. „In Kürze verfügen wir jedoch über ausreichende räumliche Kapazitäten für diese Therapie, um hier die Behandlung mit Lutetium-177 versuchsweise an Patienten durchzuführen.“

Um diese Tests durchführen zu können, benötigen wir ein Isotop aus dem Reaktor in Petten. Dieses Isotop wird dann zu einem GMP-qualifizierten Produkt verarbeitet, das für die Verabreichung an Patienten geeignet ist. „Im Moment gibt es zwei große Lieferanten am Markt, ich befürchte jedoch, dass diese schon bald die Nachfrage nach Lutetium-177 nicht mehr erfüllen können. An unserer Klinik sind wir ständig auf der Suche nach neuen Wegen, um die Betreuung unserer Patienten zu verbessern. Aufgrund der begrenzten Verfügbarkeit von Lutetium-177 jedoch kann es für uns gelegentlich schwierig sein, bestimmte Versuchsreihen durchzuführen. Und deshalb bin ich sehr erfreut, dass NRG alle Hebel in Bewegung setzen möchte, um diesen Wirkstoff über FIELD-LAB verfügbar zu machen.“

FIELD-LAB wurde für und von Partnern mit unterschiedlichem Hintergrund ins Leben gerufen. Renommierte niederländische Universitätskrankenhäuser wie das Amsterdam UMC gehören nun dieser Initiative an. FIELD-LAB arbeitet intensiv an der Entwicklung eines GMP-Prozesses zur Umwandlung von Lutetium-177 in LuCl3 (Lutetiumchlorid, der Ausgangsstoff für Medikamente mit dem Lutetium-Isotop). Das wichtigste Ziel ist es, dieses Material in kleinen Mengen zu Versuchszwecken bereitzustellen. In diesem Sinne möchte FIELD-LAB zu einer Beschleunigung des Fortschrittes der klinischen Forschung sowie zur Entwicklung neuer Therapien beitragen.